Und manche gibt`s, die tun nur so

Neulich hat mich eine Freundin gefragt, ob ich der Meinung bin, ein hartes Leben zu haben. (Sie fragte, nachdem ich einen Seufzer ausgestoßen hatte.) Ich antwortete, ohne nachzudenken, mit Ja, momentan schon. Dabei dachte ich an den Juni, in dem ich es nicht geschafft hatte, mein mir selbst gestecktes Einkommens-Ziel zu erreichen, was bedeutete, dass ich im Juli mehr arbeiten und gleichzeitig weniger ausgeben müsste. Und ich dachte an private Schwierigkeiten, die in diesem Monat größer geworden waren und die mir zusammen mit meiner Arbeit wertvolle Zeit gestohlen hatten, die ich brauche, um an meinem Opa-Projekt zu arbeiten.

Meine Freundin antwortete, dass sie meine Antwort komisch fände. Ich erkärte ihr natürlich, was mich dazu bewogen hatte. Ich weiß nicht, ob sie es akzeptierte. Erst hinterher hab ich mein „hartes Leben“ mal von außen betrachtet. In dem Moment, in dem ich „Ja“ herausgerufen hatte, saß ich auf einem Liegestuhl. Dieser Liegestuhl stand auf einer Terrasse und diese Terrasse befand sich inmitten einer Hotelanlage, die einer Oase glich. Die wiederum beherbergt Leute, die das Glück haben, sich in den Flieger zu setzen und auf einer warmen Insel auszusteigen.

Zwar hatte ich im Gepäck jede Menge Arbeit, aber auf einem Liegestuhl fühlt sich nichts so richtig wie Arbeit an. Außerdem liebe ich meine Arbeit. Dafür, dass ich etwas tun kann, was ich liebe, kann ich ja wohl mal einen Monat lang ein schmaleres Budget in Kauf nehmen, oder? Private Schwierigkeiten sind scheiße, aber in meinem Fall sind sie wenigstens lösbar. Und dass ich mir im Notfall genügend Zeit nehmen kann, um sie wirklich in Angriff zu nehmen, ist ebenfalls ein großes Glück.

Vor allem beim Gedanken „keine Zeit für das Hildchen-Projekt“ bekam ich natürlich sofort ein schlechtes Gewissen, mein Leben zuvor als „hart“ bezeichnet zu haben. Man kann nicht messen, wer das härteste Leben hat, aber dass mein Opa es zumindest zeitweise schwerer hatte als ich, das steht außer Frage. Deshalb das schlechte Gewissen. Nun bringt es nichts, zu sagen, man dürfte nicht klagen, nur weil es immer jemanden gibt, der ärmer dran ist. Oder doch? Wer sagte nochmal „Ich klagte, weil ich keine Schuhe hatte, da traf ich einen, der keine Füße hatte, und ich klagte nicht mehr“?

Gefühle sind immer subjektiv und daher kann ich mich natürlich hinstellen und sagen, dass ich ein Recht darauf habe, zu leiden und zu klagen und mich selbst zu bemitleiden. Das klappt ja vor allem immer sehr gut, wenn man sich einredet, wie gut es anderen geht, wie viel Glück andere haben und welches Unrecht einem selbst geschieht, weil man das oder das nicht hat, nicht so oder so geboren wurde usw. Wenn man sich mit denen vergleicht, denen es „angeblich“ besser geht. Ich finde, man sollte die eigene Situation viel häufiger in die andere Richtung vergleichen. Nämlich in die Richtung, wo mehr Probleme herrschen, wo es Menschen gibt, denen es nicht angeblich besser geht als mir. Wenn man die Perspektive und das große Ganze nicht aus den Augen verliert, geht man erstens aufmerksamer, mitfühlender und sorgsamer durch die Welt und hat zweitens nicht immer das Gefühl, der größte Pechvogel überhaupt zu sein.

Bitte nicht wieder falsch verstehen. Es gibt so viele Menschen, die klagen und die gehört werden müssen. So viele, denen unsagbares Leid geschieht, denen geholfen werden muss und denen ich niemals diesen Rat geben würde. Aber da sind auch so viele Menschen, die ein Leben frei von „ernsthaften“ Sorgen führen, die alles haben, was man als Basis zum Glücklichsein braucht und die trotzdem ständig am Sich-Beschweren über Nichtigkeiten sind. Ich denke, jeder kennt so jemanden. Und fast jeder gehört zeitweilig auch mal dazu. Das nervt.

Ich hab ein schlechtes Gewissen, dass ich in dem Moment auf dem Liegestuhl „Ja“ gesagt hab. Das ist nicht fair gegenüber allen, die unlösbare Probleme haben, die schlimmeren Kummer haben als ich. Dazu zählt auch mein Opa. Meine Engstirnigkeit neulich tut mir leid, lieber Opa!

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