Wie frei sind wir wirklich?

Ich war auf Mallorca und bin gerade zurückgekommen. Nein, ich war nicht im Urlaub. Sonst hätte ich eine andere Jahreszeit gewählt, eine, in der das Meer schon warm genug ist zum Baden. Ich war einfach nur so da. Weil ich vor zwei Wochen etwas Neues sehen wollte und der Flug nach Mallorca der beste war.

Da ich nicht im Urlaub war, gesellten sich zu den üblichen Fragen, die denen gestellt werden, die im Ausland waren („Wie war das Wetter?“, „Hast du das oder das gesehen?“ usw.) noch ein paar andere. Fragen wie „Wie, du hast dort gearbeitet?“ oder „Und was hast du für einen Job, dass du auf einer Insel arbeiten kannst?“ 

Dass ich selbst bestimmen kann, wo ich wann bin, scheint für die allermeisten Menschen in meinem Umfeld etwas absolut Außergewöhnliches zu sein. Alle finden es toll – und dennoch findet es kaum Nachahmer.

Ich würde gerne wissen, wie mein Opa meinen Freiheitsdrang und vor allem mein Ausleben dieses Drangs sieht. Meine Eltern unterstützen mich – für sie war diese Möglichkeit noch schwerer zu ergreifen als für mich. Vor allem meine Mutter sehnt sich nach mehr Freiheit.

Ich versuche, mich in meinen Opa hineinzuversetzen. Er musste zur Schule, musste dann in den Krieg, musste in Kriegsgefangenschaft, kam zurück und band sich an eine Frau, gründete eine Familie. Sein ganzes Leben mit allem drum und dran hatte er niemals in den eigenen Händen. Ständig wurde ihm vorgegeben, wie er zu leben hatte – wenn nicht von der Schule oder dem Krieg, dann von der Gesellschaft, die damals nur sehr sehr wenig Raum für ein „Ausbrechen“ ließ. Zu wenig, als dass mein Opa diesen Raum hätte nutzen können. Ich hätte es in dieser Zeit vermutlich auch nicht geschafft. Vielleicht wollte er es auch nicht, ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass er reisen wollte, dass er immer mal wieder weg und was Neues sehen wollte. Er schleifte meine Oma mit, die lieber daheim blieb. Ich weiß aber vor allem, dass er aus der Gefangenschaft ausbrechen wollte. Er wollte selbstbestimmt leben. Das wollen wir alle. Selbstbestimmung heißt, dass ich über mein Selbst bestimmen kann. Grenzen gibt es immer. Für mich zum Beispiel stellen die Naturgesetze eine große Einschränkung dar. Ich würde gerne nicht altern, schneller ohne Hilfsmittel von A nach B kommen, aber dagegen kann ich nichts tun. Darum ist es sinnlos, zu diskutieren, ob ein Mensch jemals komplett selbstbestimmt sein kann.

Für mich ist nur wichtig, so selbstbestimmt wie möglich zu sein. Ich kann ohne Flugzeug oder Schiff nicht auf eine Insel kommen. Okay, akzeptiert. Das nehme ich als Grund hin. Aber ich nehme keinen Grund hin, der Job oder kein Geld heißt.

Da draußen sind viele Menschen, die Einschränkungen als Sicherheit bezeichnen. Sätze wie „Ich brauche die Sicherheit eines festen Gehalts“ höre ich oft. Ich versteh das auch irgendwie. Aber es gibt auch sehr viele, die sich nicht trauen, die Angst haben, aber eigentlich viel selbstbestimmter wären. Wenn man seinen Job dann auch noch überhaupt nicht mag, befindet man sich in einem Zustand, der dem einer Gefangenschaft gleichkommt. Und das meine ich ganz ernst. Da muss man raus.

Ein Blick in den Bericht meines Opas wird jedem zeigen: Das ist nichts, was man sich wünscht. Wer aber denkt, er ist freier, obwohl er jeden Morgen an einen bestimmten Ort geht, weil er muss, und erst heimgeht, wenn er denkt, er darf, irrt sich. Er ist nur ein klein wenig freier.

„Aber ich hab doch Verantwortung!“ kommt jetzt. Ja, die hab ich auch. Aber nur weil wir sie haben, dürfen wir doch nicht zulassen, dass sie uns gefangen nimmt, unser Leben bestimmt und uns leitet. Wir müssen den Spieß umdrehen, das heißt, der Verantwortung nur einen gewissen Grad an Einfluss zugestehen – einen, mit dem wir gut leben können und immer noch das Gefühl haben, frei zu sein.

Keiner soll einfach so seinen Job hinschmeißen und anfangen, irgendetwas zu tun, was beim großen Idol irgendwann einmal funktioniert hat. Aber wer sich angesprochen fühlt, sollte sich zumindest mal Gedanken darüber machen, wie frei er sich fühlt. Und dann entsprechend handeln und das Leben verändern.

Ihr seht, Mallorca ist nicht nur zum Ausspannen gut – manchmal ergeben sich hier auch ein paar ganz sinnvolle Gedanken.

Übrigens brauchen auch Gedanken Freiheit. Dazu vielleicht irgendwann mal mehr.

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3 Gedanken zu “Wie frei sind wir wirklich?

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