Zwei Tage im Leben eines Kriegsgefangenen (Original-Ausschnitt von Werners Bericht)

Mein Opa war jahrelang gezwungen, ohne Verdienst an einem kalten Ort Straßen zu bauen – unter gefährlichen Umständen. Ich bin dankbar, dass es mir heute besser geht.

Zur Erinnerung an unangenehme Zeiten: Wie mein Großvater zwei Tage im Erdölgebiet von Tuimasy-Oktrjabrisky in Russland erlebte.

Im September wurde ich mit einer kleinen Gruppe von etwa 30 Mann zu einer Arbeitsstelle abkommandiert, wo die Straße ins Gebirge hineingebaut werden sollte. Die Berge stiegen fast senkrecht etwa 150 m aus dem Tal hoch. Die Straße sollte da schräg hinauf führen. Dazu mußten umfangreiche Sprengarbeiten durchgeführt werden. Im Abstand von jeweils vier oder fünf Metern mußten wir Löcher von 2 m Tiefe graben, die später mit Holzminen gefüllt wurden. Der Boden bestand aus Felsgestein in einer quer verlaufenden Schichtung, ich glaube, es war Kalkgestein. Jede Schicht mußte mit dem Pickel zerschlagen und konnte erst dann mit dem Spaten oder der Schaufel ausgeräumt werden. Natürlich mußten wir zu dieser Arbeit, je tiefer wir kamen, in das Loch hinabsteigen. Wir mußten es deshalb so groß machen, daß wir darin stehen und arbeiten konnten. Damit wir uns überhaupt rühren konnten, blieb uns nichts anderes übrig, als die Stiele unserer Werkzeuge kürzer zu machen, also abzusägen. Die Norm war hier ein Loch am Vormittag, ein Loch am Nachmittag. Hier war nun jeder wirklich auf sich allein angewiesen, denn in dem Loch konnte man nicht zu zweit stehen, geschweige denn arbeiten.

In dieser Zeit bekamen wir nicht einmal unsere Mittagssuppe, da die Arbeitsstelle einfach zu weit vom Lager entfernt war, als daß man uns mit dem Panjewagen, wie normalerweise, das Essen hätte bringen können. Ein LKW wurde dafür aber nicht zur Verfügung gestellt. Die Arbeitsstelle lag immerhin etwa 1 1/2 Stunden Fußmarsch von unserem damaligen Lager entfernt.

Wenn genügend Löcher gegraben waren, kamen LKW`s und brachten die Holzminen, Überbleibsel aus dem Krieg. Sie hatten die Größe von etwa 4 zusammengestellten Zigarrenkistchen. Jeder griff sich vier solche Minen und trug sie auf der Schulter den steilen Berg hinauf. Das Einschichten in die Löcher und das Herrichten für die Sprengung besorgten die russischen Pioniere. Jedes Loch wurde etwa 1 m mit Minen gefüllt, und dann schaufelten wir noch einmal 1 m Gestein und Erde darüber. Auch bei dieser Arbeit gab es kein Drücken, denn es ging immer im Gänsemarsch den steilen Berg hinauf, wobei wir uns oftmals an Sträuchern und Bäumen hochziehen mußten. Einen Weg gab es ja nicht.

Wir hatten nur einen Wachposten dabei, ein recht junges Bürschchen. Er führte während der ganzen Zeit unser Kommando.

Eines Tages fragte er während des Hinwegs, ob jemand Streichhölzer hätte, er wolle sich eine Zigarette anzünden. Damals bekamen wir in unregelmäßigen Zeitabschnitten mit der Verpflegung auch Streichhölzer, für 3 – 4 Mann eine Schachtel. Da ich mir schon vor der Gefangennahme das Rauchen abgewöhnt hatte, brauchte ich für mich kaum einmal ein Streichholz. Ich besaß also noch ein paar, die ich mir für wirklich ganz dringende Fälle aufbewahrte. Wenn wirklich mal niemand mehr welche hatte, „stiftete“ ich eines. Manche hatten ja ein „Feuerzeug“, d.h. sie schlugen einen Kieselstein gegen ein Stück Eisen und ließen die Funken auf eine Lunte fallen. Einige von ihnen hatten eine tolle Fertigkeit im Feuerschlagen entwickelt. Aber heute war keiner dabei, der ein solches Feuerzeug besaß.

Er fragte ein paarmal, keiner meldete sich. Da er nun langsam wütend wurde, bekam ich Angst, er könnte nun das ganze Kommando filzen und würde dann außer meinen Streichhölzern auch andere Wertsachen, z.B. Messer, finden. Die brauchten wir aber ganz dringend zum Teilen der Brote nach dem Empfang, denn das Brot bekamen wir immer in ganzen Laiben, und jedes Kommando teilte dann die Portionen für die einzelnen Leute. Das ging natürlich ohne Messer nicht, obwohl ihr Besitz von den Russen strengstens verboten war. Hinter diese Logik sind wir nie gekommen.

So tat ich also, als ob ich eben erst entdeckt hätte, daß ich noch Streichhölzer habe und gab ihm eines. Er war hocherfreut, und als wir am Arbeitsplatz angekommen waren, teilte er mich nicht zur Arbeit ein, sondern hieß mich, Holz für ein Feuer zu holen. Wir hatten mittlerweile schon Mitte Oktober, es war schon empfindlich kühl. Als das Feuer dann brannte, brauchte ich nur noch dafür zu sorgen, daß genügend Holz da war und das Feuer richtig brannte. Eine leichte Arbeit im Vergleich zur Arbeit der Kameraden.

Am nächsten Tag aber drehte er den Spieß um: Anscheinend erinnerte er sich daran, daß ich am Tag vorher nichts gearbeitet hatte und meinte nun, ich müßte das nachholen. Er stand fast den ganzen Tag neben mir, und wehe, ich wollte mal verschnaufen und richtete mich auf: Schon hatte ich den Gewehrkolben im Kreuz. An diesem Tag mußte ich doppelt und dreifach für die „ruhige Kugel“ tags zuvor büßen.

Diese schwere Arbeit über Wochen, der tägliche Marsch von etwa 3 Stunden hin und zurück, das alles nur mit der dünnen Suppe vom Morgen und 200 g Brot hatten uns gewaltig geschwächt. Wir waren ja schon vorher keine Riesen mehr, aber jetzt kamen wir fast auf den Knien daher. Keiner dachte daran, daß er das noch lange durchhalten könnte, und kaum einer glaubte die Heimat je wiederzusehen.

 

 

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