Der unterschätzte Schatz

Schreiben früher und heute – da liegt ein himmelweiter Unterschied dazwischen. Mit früher meine ich die Zeit der Federn und der Tinte und sogar noch der Schreibmaschine. Die Gedanken auf Papier bringen hatte keine übertragene Bedeutung. Papier als Mittel, den Kopf zu leeren, zu kommunizieren und Kunstwerke zu erschaffen. Ein Material, das zwar geduldig, aber leicht zu vernichten ist, so dass alles mühevoll Geschriebene sofort wieder zu Nichts werden kann.

Und heute?

Ich schreibe heute meist auf etwas, das aussieht wie ein weißes Blatt Papier, nur viel weißer und sauberer ist, als es Papier je sein könnte. Es ist geduldig und merkt sich alles, wenn auch nicht sichtbar. Es reagiert nicht mit hässlichen Spuren vergeblicher Löschversuche darauf, wenn ich ein Wort, einen Satz oder einen ganzen Absatz rückgängig machen will. (Was auch schade ist, denn so manche Fragmente alter Dichter sind heute ganz schön spannend.) Es nennt sich Word-Dokument und ist eine wirklich tolle Sache.

Papier wird weggeschmissen, wenn es nicht mehr rein ist wie ein unbeschriebenes Blatt. Keiner will die Spuren mehr sehen, die ein Text auf Papier hinterlassen kann, wenn man ihn für nicht veröffentlichungstauglich hält. Leser wollen sich einreden, dass Autoren nicht erst stundenlang nachdenken müssen, bevor etwas aus ihnen hinausfließt, das beim Leser einen kleinen Glücksmoment auslöst oder ihn zu Tränen rührt. Dafür ist das Word-Dokument genau richtig. Und ehrlich gesagt fällt es vielen Menschen aufgrund mangelnder Schreibausbildung heutzutage schwer, handschriftlich zu schreiben, da tippen sie lieber drauflos. Damit ein Text trotzdem Wiedererkennungswert hat, müssen der Inhalt, die Form und der Ausdruck umso besonderer sein, denn die Schrift verrät leider keinen mehr.

Mut zum Unperfekten

Um einen Brief auf Papier zu schreiben, braucht es Mut zum Unperfekten. Die Buchstaben werden unterschiedlich groß, uneinheitlich, der Stift tut nicht das, was ich will, ein Eselsohr entsteht, der Kaffee hinterlässt seine Spuren und am Ende des Blattes angekommen, merke ich, dass meine Zeilen stark nach rechts abgefallen sind. Trotzdem: Ein Brief macht aus einem Stück Papier einen Schatz, den man zerreißen und zerknüllen oder aufbewahren und in Ehren halten kann.

Schade, dass Papier gar nicht mehr nur mit etwas Schönem einhergeht, was mich in andere Welten entführt und vom Alltag ablenkt. Papier wird mittlerweile hauptsächlich assoziiert mit Papierkram. Auch in Form von Büchern in vielen Haushalten ist es präsent, aber viele Menschen benutzen Papier nur noch als Träger von Rechnungen und anderem bürokratischen Kram. Papierkram eben. Wenn Briefe aus Papier ins Haus geflattert kommen, sind darunter in den meisten Fällen nur solche, die ich eigentlich gar nicht lesen möchte.

Was Briefe neben Botschaften noch sind

Vorbei sind die Zeiten, in denen handschriftliche Kunstwerke hin- und hergeschickt wurden zwischen guten Freunden, Liebenden, Seelenverwandten, die zu ihrem besten Briefpapier griffen und sich Zeit nahmen, etwas von ihrem Innenleben aufzuschreiben, und zwar so, dass es dem anderen in der Ferne ein Gefühl von Nähe gab. „Ein Brief ist eine Seele. Er ist ein so treues Abbild der geliebten Stimme, die spricht, dass empfindsame Seelen ihn zu den köstlichsten Schätzen der Liebe zählen.“ hat Honoré de Balzac gesagt, und damit meinte er keine E-Mails.

Ein weiteres Zitat fällt mir ein: „Die Kunst des Briefeschreibens ist nichts anderes als die Kunst, die Arme zu verlängern.“ Denis Diderot wusste um die Wirkung, die ein liebevoll geschriebener Brief auf Papier haben kann. Dieses Wissen ist den meisten von uns bisher verwehrt geblieben. Zum Glück. Dass sich ein Brief von meiner Oma Hilde für meinen Opa Werner in der schlimmsten Zeit seines Lebens wie eine Umarmung angefühlt hat, dessen bin ich mir ganz sicher. Eine Umarmung kann so viel ausdrücken, obwohl sie doch nur dadurch stattfindet, dass zwei Menschen sich gegeneinander drücken und festhalten. So ist ein Brief viel mehr als ein Stück Papier mit einer Botschaft darauf. Er wirkt wie ein Fenster, das man öffnen und durch das man Liebe, Ermutigung und Nähe empfangen kann.

„Die Post ist die Trösterin des Lebens, denn sie verwandelt Abwesende in Gegenwärtige.“(Voltaire) Dem ist nichts hinzuzufügen, stellt man sich Liebende in einer Welt ohne Internet vor, die nicht beieinander sein können und sich an jedes Wort des anderen klammern, obwohl sie nie wissen, ob das Geschriebene noch Bedeutung hat, wenn es erst einmal bei ihnen angekommen ist.

Alte Briefe heute

Heute haben die alten Briefe aus der Gefangenschaft ihre Bedeutung geändert. Für uns sind sie wichtige Denkmäler aus einer vergangenen Zeit, aus denen sich etwas herauslesen lässt. Sie zeigen uns ein einzelnes Schicksal, das vielen Schicksalen und Familiengeschichten gleicht und dennoch ein besonderes ist. Ein Brief ist eine Spur von einem Menschen, die er nicht für die Nachwelt, sondern für jemanden in seiner Zeit und damit viel authentischer hinterließ.

Leider kann Papier sein Alter nicht verstecken, es vergilbt und bekommt Risse. Das Geschriebene wirkt für uns heute altmodisch verfasst und schwer leserlich. Das Gedächtnis aus Papier wird sozusagen schlechter und immer schlechter. Darum mache ich ein neues – ein Buch.

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