Weihnachtsspecial: der Brief

Warum sollen die bereits Verstorbenen unter unseren Lieben eigentlich keine Weihnachtsgrüße bekommen? Wer weiß, vielleicht freuen sie sich ja auch darüber. Darum lest ihr heute etwas sehr Persönliches, das ich ausnahmsweise nicht allein geschrieben habe:

Lieber Papa,

es mag etwa 10 Uhr sein. Ich weiß es nicht, weil ich es nicht wissen muss. Es ist Weihnachten und ich habe frei, keine Verpflichtungen bestimmen meinen Tag. Ich kann selbst entscheiden, was ich mit dem diesjährigen Fest der Liebe anfange – ganz im Gegenteil zu dir vor 70 Jahren.

Obwohl ich nicht dabei war, als Du das kälteste Kapitel Deines Lebens erfuhrst, kann ich Dich vor meinem inneren Auge sehen. Ich sehe Dich, wie Du Deinen Mund vor Kälte verziehst, wenn Du im Schnee stehst und frierst, wenn du mit eisigen Fingern versuchst, Deine noch eisigeren Füße zu wärmen oder auf und ab wippst, in der Hoffnung, etwas Leben in die Beine zu bekommen. Ich kann Dich in all diesen Situationen sehen, weil ich weiß, wie Du auf dem verschneiten Bahnsteig, den Hut so gut es geht über die Ohren gezogen, auf meinen verspätet einfahrenden Zug wartest oder mir mit dampfendem Atem dabei hilfst, einen Schneemann vor dem Haus zu bauen. Diese Kälte war nichts Bedrohliches. Sie schloss uns zusammen wie zwei Verbündete, die sich gemeinsam auf die Wärme freuen, die sie in Form eines Zuhauses erwartet. Ein Zuhause, das sie mit einer Tasse Tee und einem lodernden Feuer empfängt.

Du hast lang warten müssen, Du hast viele Stunden und Tage, ja Monate voller Eiseskälte durchstehen müssen, im dunklen Norden Estlands und im tiefen Osten Russlands. Du hattest keine Verbündete, an deren Gesichtern Du erkanntest, dass die Kälte bald vorbei sein würde. Die Kälte blieb, breitete sich aus und kroch in Dich hinein. Sie ergriff Besitz von Dir, erfror Deine Fußzehen. Wie Deine Finger am Feuer des Ofens, fand Dein Herz die einzige Wärme in der Erinnerung an daheim und in den liebevollen Briefen von Hildchen. Hättest Du nur damals schon wissen können, welche Wärme Dich erwarten würde! Dass all die Kälte der Weihnachtstage im Krieg und in Gefangenschaft durch so viele Weihnachtsfeste voller Liebe wettgemacht werden würden! Und dass Hildchen Dir das schönste Weihnachtsgeschenk machen würde. Ich höre Dich immer noch, wie Du mich Dein „Christkind“ nennst.

Ich sehe Deine erwartungsvollen Augen, wenn Du den schäbigen Ofen im Zelt zum Laufen bringst und hoffst, dass es schnell geht, damit in Deine steifen Finger wieder Leben kommt. Ich sehe Dich dort, weil ich Dich so oft gesehen habe, wie Du bemüht warst, uns ein gemütliches und warmes Zuhause zu schaffen. Welche Bedeutung muss es für Dich gehabt haben, unseren kleinen Ofen im Herrenzimmer anzuheizen, damit wir es zu besonderen Anlässen nutzen konnten? Dich dort knien zu sehen, und der Schein des auflodernden Feuers färbte Dein Gesicht rot, vermittelte mir ein Gefühl von Geborgenheit. Die Vorfreude auf Weihnachten war riesengroß.

Ich sehe dich vor mir, auf der mittleren Pritsche im Gefangenenlager sitzend, einen geeigneten Strohhalm in Deinem Bett, einem Strohsack, suchend. Mit klammen Händen versuchst Du, einen Stern daraus zu basteln, um dem Weihnachtsbäumchen ein wenig Glanz zu verleihen. Ich sehe Dich, wie Du in den Jahren danach unsere Weihnachtsbäume schmückst. Gedankenversunken und voller Hingabe hängst Du nicht nur Strohsterne auf, sondern verwandelst den Baum nach und nach in ein Kunstwerk aus Glitzer und Gefunkel, bis er Dich am Ende nur noch mit viel Fantasie an das karge Pflänzchen in der Baracke erinnert. Als würdest Du das Bäumchen, das 1945 auf jeglichen Glanz verzichten musste, in Form von haufenweise Lametta auf den nachfolgenden Tannenbäumen entschädigen wollen.

Die kalte Jahreszeit hat uns auf eine seltsame und schöne Art und Weise miteinander verbunden, war etwas Besonderes für mich. Denn nicht nur Deine Gestaltung des Weihnachtsfestes bereicherte meine Kindheit. Wir beide feierten unseren Geburtstag im Winter, nur kurz hintereinander. So ging eine Feier in die andere über, wir feierten Deinen Ehrentag, dann Weihnachten, schließlich meine Geburt und zum Schluss Silvester. Du hattest eben viel nachzuholen und wir gaben unser Bestes, Dich die vorherigen schwierigen Winter vergessen zu lassen.

Ich möchte Dir vom heutigen Weihnachten erzählen.

Die Weihnachtszeit ist wohl die gegensätzlichste Zeit des Jahres: grausam und wunderschön zugleich. Die Städte sind vollgestopft mit Menschen, die wie wahnsinnig das beste Geschenk suchen. Das ist die eine Seite. Aber sie kaufen es, um jemandem eine besondere Freude zu machen. Das ist die andere Seite. Die eine Seite ist die, dass Weihnachten regelmäßig zur stressigsten Zeit des Jahres wird, weil Verwandte besucht werden wollen, für die im restlichen Jahr keine Zeit bleibt. Die andere Seite ist die, dass wir uns wenigstens einmal im Jahr darauf besinnen, wie wichtig Familienbande sind und wie viel Freude wir mit einem einfachen Besuch bereiten können. Die eine Seite besteht aus dem ständigen Kampf, den Kalorien in Form von Lebkuchen, Plätzchen und Co. zu widerstehen – die andere Seite ist der Genuss dergleichen.

Du siehst, Papa, in der heutigen Zeit wird genügend geschimpft über die heiligste Zeit des Jahres, die Zeit der Liebe, die uns allen doch so wichtig ist, dass wir unsere Fenster mit allerlei Deko behängen, Stunden über Stunden in der Küche verbringen und Autofahrten auf überfüllten Straßen auf uns nehmen.

Ich gehöre dazu, zu den vom Weihnachtsstress geplagten Menschen, die einem perfekt gestalteten Fest hinterherjagen. Ich will, dass alles stimmt. Das Essen muss schmecken, die Stimmung soll passen und die Geschenke haben bitteschön zu gefallen. Und ich weiß auch, woher dieser Wunsch nach einem besonderen Weihnachtsfest kommt. Ich möchte damit, genauso wie früher Du, zeigen, dass die Kälte der Welt uns nichts anhaben kann, wenn wir Menschen um uns herum haben, die wir lieben.

Die einzige Kälte, die an Weihnachten erlaubt sein sollte, ist die des Schnees, durch den man stapft, wenn man zur Kirche geht, so wie wir früher zur Christmette gingen, wo Du Orgel gespielt und den Kirchenchor dirigiert hast. Die Kälte der Luft, die einem ins Gesicht schlägt, wenn man aus einem von Kerzen erwärmten Haus nach draußen tritt, um sich mit Freunden auf einen Glühwein zu treffen. Oder die, die man am Rücken spürt, wenn man einen Schneeengel macht.

Danke, dass Du mir gezeigt hast, wie Weihnachten geht.

Deine Tochter

 

Und hier ist der Bericht meines Großvaters Werner über sein Weihnachtsfest 1945:

Es mag etwa 20 Uhr sein. Das „Abendessen“ liegt hinter uns, wie gewohnt 3/4 l Wasser mit gekochten Roggenkörnern, wenn man Glück hat, einen Eß­löffel voll, aber meistens weniger, dazu 200 g Brot. Dieses ist seit Wochen wegen der angespannten Ernährungslage in Rußland mit unverdauli­chen Mahlrückständen, Getreidehülsen usw. gestreckt.

Wir richten uns langsam für die Nacht ein, nachdem wir den ganzen Tag über in Kohtla-Järwe im Sägewerk gearbeitet haben. Morgens etwa um 7 Uhr gehts bei schneidender Kälte im offenen LKW die 9 km nach Kohtla-Järwe, einem kleinen Städtchen an der Bahnlinie Narwa – Leningrad. Dort arbeiten wir, ein Kommando von 20 Mann, am Gatter, an der Kreissäge oder auf dem Holzplatz bis etwa 17 Uhr. Dann gehts, meistens zu Fuß, die 9 km nach Ereda ins Lager 289/III zurück. Das ist unser Tageslauf nun schon seit Anfang Oktober, auch heute, am Heiligabend 1945.

Ende September waren wir aus Riga, wohin große Teile der Kurland-Armee zunächst einmal in Lagern zusammengefaßt worden waren, nach Estland abtransportiert worden. Die erste große Hoffnung auf Entlassung war damit in sich zusammengebrochen. Es war unter uns Landsern immer gesagt worden, daß wir als Kapitulationstruppen nicht in Gefangenschaft gebracht werden dürften, irgendeine internationale Konvention verbiete das. In Ereda waren wir in ein Lager gekommen, das erst vor kurzer Zeit eingerichtet wor­den sein konnte, denn es bestand nur aus Wachttürmen und einem hohen Stacheldrahtzaun mit einem breiten Lagertor und dem Wachhäuschen. In dem so gebildeten Viereck stand eine Vielzahl von Zelten, ehemalige Militärzelte für je etwa 20 – 25 Mann, von den Amerikanern im Rahmen ihrer Pacht- und Leihhilfe während des Krieges den Russen geliefert. Es mochten so an die 50 Zelte sein.

In den folgenden Wochen war eine große Anzahl von uns Gefangenen damit beschäftigt, Baracken aufzubauen. Auch dies ein Zeichen dafür, daß mit einer baldigen Entlassung nicht mehr zu rechnen war. Im Abstand von eini­gen Metern wurden dicke, etwa 7-8 m lange Pfosten 1 m tief in den Boden eingegraben, später innen und außen Bretterwände hochgezogen, der Zwischenraum mit Sägmehl ausgefüllt. Zwischen den Pfosten wurden Fenster einge­setzt, die aber nicht zu öffnen waren. Das Dach wurde mit Schindeln gedeckt. Im Innern wurden Zwischenwände errichtet, in den so entstandenen Räumen Holzpritschen dreifach übereinander aufgebaut. Da nur durch die beiden Türen an den Barackenenden gelüftet werden konnte, war bald ein fast undurchdringlicher Mief in den Baracken. Das war ein Grund gewesen, wes­halb unser Kommando sich bis vor wenigen Tagen erfolgreich davor gedrückt hatte, in eine der Baracken einziehen zu müssen. Lieber nahmen wir in Kauf, die ganze Nacht hindurch eine Feuerwache im Zelt einzurichten, die den Ofen, ein ausgedientes Benzinfaß der Wehrmacht, beheizen mußte. Holz hatten wir ja genug, da wir täglich vom Sägewerk Holzabfälle ins Lager mitbrachten. Inzwischen hatte sich an den Zeltwänden eine centimeterdicke Eisschicht gebildet, da die feuchte Warmluft sich an den kalten Zeltinnenwänden niederschlug und sofort zu Eis gefror.

Nun waren aber auch wir in einer Baracke untergebracht. Ich hatte einen der meistbegehrten Plätze auf der Mittelpritsche ergattert. Unten war es kalt und dunkel, da kaum Licht von den wenigen schwachen Glühbirnen bis da hinunter kam. Außerdem stieg jeder auf diese Pritsche, der nach oben oder unten wollte, und immer wieder trat einer einem dabei auf die ausgestreckten Beine, vor allem nachts beim Schlafen. Auf die oberste Pritsche zu kommen war beschwerlich, da keine Leitern vorhanden waren und diese Pritsche doch immerhin so an die 2 1/2 m hoch war. Dazu kam die schlechte Luft da oben. Die mittlere war also die angenehmste.

Ein Tannenbäumchen stand fast in jedem Barackenraum, kahl und ungeschmückt. Höchstens ein paar Strohsterne hingen an den Zweigen, die wir aus dem Stroh unserer Strohsäcke gebastelt hatten. Wo hätten wir auch Folie für Lametta oder gar Kerzen herbekommen sollen. Rauchwaren gab es ja seit Beginn unserer Gefangenschaft keine. Also nicht einmal Silberpapier aus Zigarettenschachteln hatten wir. So arm hatten wir nicht ein­mal das letzte Kriegsweihnachten gefeiert, und das war schon arm genug gewesen. Aber wenigstens ein paar Briefe und 100 g-Päckchen hatten wir damals. Heute aber war nicht einmal Post da, denn zu dieser Zeit konnten wir noch nicht schreiben. Und so wußten auch unsere Angehörigen daheim nicht einmal, ob wir überhaupt noch lebten, so wenig wie wir wußten, ob die daheim den Krieg überlebt hatten.

Das waren so unsere Gedanken. Ab und zu hörte man auch aus irgendeiner Ecke der Baracke ein schüchtern gesungenes Weihnachtslied aus rauhen Landserkehlen, Ausdruck unserer Stimmung und unseres Heimwehs, wer wollte es leugnen.

 

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2 Gedanken zu “Weihnachtsspecial: der Brief

  1. Das habt ihr zwei wunderschön geschrieben. Ich danke euch von Herzen dafür, denn damit kam auch für mich ein großes Stück Erinnerung an früher zurück und daran, welch schöne und liebevolle Kindheit wir hatten.
    Danke vor allem dir, liebe Annette, dass du uns so viel davon wieder zurück bringst.
    Ich hab euch lieb,

    Silke

    Gefällt 1 Person

    1. Dieses mal macht mich dein Bericht, Annette und dein Brief, Schwesterherz traurig froh. Sie zeigen mir, was für eine frohe und unbeschwerte Kindheit ich hatte. Das war damals und heute keine Selbstverständlichkeit !
      Fühlt euch umarmt und gedrückt von mir.
      Moni

      Gefällt 1 Person

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