Chaos ist total in Ordnung

Neulich hab ich mal über das Chaos nachgedacht. Über das Chaos an sich und auch über ein spezielles, nämlich das auf meinem Schreibtisch. Das auf meinem Schreibtisch ist besonders gefährlich. Es zieht nämlich durch den Rest der Wohnung und breitet sich dort aus. Wie der Kater, der manchmal zu Besuch kommt und überall Haare hinterlässt, um seine Präsenz zu verdeutlichen. Habe ich Chaos auf dem Schreibtisch, habe ich es ziemlich bald auch überall sonst. Dabei bin ich schon ordentlicher geworden, seit ich einmal zehn Monate lang aus einem Rucksack lebte. Mein Chaos besteht auch nur aus Dingen, die bleiben müssen, die ich brauche und/oder mag. Wie löse ich das Problem?

Chaos ist etwas, was im Erwachsenenalter meist ein kleines schlechtes Gewissen hervorruft. Als Kind, und sogar noch als Student im WG-Zimmer ist es dagegen vollkommen anerkannt, ja da wird fast schon erwartet, dass man im Chaos lebt. Als Zeichen dafür, dass man die Freiheiten der Jugend genießt, sich die Hörner abstößt, verrückte Dinge tut und sich „auslebt“. Hier wird geschmunzelt, dort nur ungläubig der Kopf geschüttelt. Sich ausleben ist übrigens der bescheuertste Begriff, den ich kenne (neben ein paar anderen). Wofür soll ich mich denn ausleben? Ich hab mich ja mit 30 Jahren gerade erst eingelebt. Viele meinen, man soll sich in seiner Jugend ausleben, um dann irgendwann vernünftig ins Erwachsenentum eintreten zu können. Sich ausleben. Verglichen mit Verben wie ausschlafen oder ausschalten klingt es, als wäre mein Leben nach dieser „Auslebephase“ vorbei, oder wie ist das gemeint?

Aber ich schweife wieder einmal ab. Eine Freundin von mir ist der Meinung, dass Leute, die ein inneres Chaos haben, oft sehr ordentlich sind. Im Umkehrschluss sind Leute, die zur Unordnung tendieren, oft innerlich ausgeglichen. Ob da was dran ist? Ich mag es ordentlich, schaffe es aber nicht, Ordnung zu halten. Früher oder später liegt wieder alles da, wo es nicht hingehört. Noch dazu versinke ich in meiner Zettelwirtschaft, weil ich alle Notizen immer noch mit echten Stiften auf Papier schreibe.

Wie innen, so außen. Das hab ich auch schon gehört. Dem kann ich nicht zustimmen. Wenn ich mir unsere heutige Welt so ansehe, finde ich, dass Chaoten doch ziemlich im Vorteil sind. Wie soll man als Ordnungsfanatiker denn überhaupt noch zurechtkommen in einer Welt, in der alles durcheinandergeworfen wird und feste Strukturen immer mehr aufbrechen? Da wird man doch im wahrsten Sinne des Wortes verrückt.

In der Zeit, in der mein Opa Werner lebte, herrschte ja auch ziemliches Chaos. Er war aber ein Ordnungsfan. Ich habe seinen Schreibtisch nie voller Kram gesehen. Da stand eine Lampe und ein paar Papiere lagen neben einem Kugelschreiber. Hatte er also Chaos im Kopf? Glaube ich nicht, auch wenn er echt viele Aufgaben zu erledigen hatte. Und das ganz ohne die Möglichkeit, alles in einem superkleinen Ding namens Laptop festzuhalten! Ich mag mir gar nicht ausdenken, wie meine Zettelwirtschaft im prädigitalen Zeitalter ausgesehen hätte. Ein Buch schreiben, ohne es abspeichern zu können? Undenkbar.

Wahrscheinlich kommt es auf die jeweilige Person an. Wie immer. Wir sind ja nicht umsonst Individuen. Er hatte genug Chaos um sich herum, als er im Krieg und in Gefangenschaft sein musste. Das reicht wohl für ein ganzes Leben. Und bestimmt hat er mit Chaos auch Negativeres assoziiert als ich. Wenn man mit etwas eine negative Assoziation hat, versucht man es zu vermeiden. Ich wiederum verbinde mit dem Chaos eher etwas Gutes, weil es mir immerhin zeigt, dass ich die Möglichkeit und den Raum habe, Chaos zu schaffen, was doch ein Zeichen dafür ist, wie gut es mir geht. Chaos als Inspiration.

Wenn ich genauer drüber nachdenke, fällt mir aber ein, dass Werners Text, den er hinterließ, ziemlich chaotisch und durcheinander geschrieben ist. Von Struktur keine Spur. Jedenfalls ist keine Struktur auf den ersten Blick sichtbar. Aber man weiß ja nie, welche Ordnung sich hinter einem Chaos versteckt.

Ich frage mich, wie es wohl ist, sich zurückzuerinnern an die eigene Kriegsgefangenschaft zu einer Zeit, in der es drunter und drüber ging. Länder, Grenzen, Regeln, Familienverbände, Städte, Überzeugungen – alles musste neu geordnet werden. Da ist es doch ganz klar, dass sich dieses Chaos auch in den Worten widerspiegelt. So ähnlich geht es mir jetzt, wenn ich darüber nachgrüble, wie ich meine Perspektive auf die Gefangenschaft meines Großvaters beschreiben und sie den Leuten näherbringen könnte.

Aber nun genug mit der Westentaschen-Psychologie. Wahrscheinlich fragt sich sowieso jeder, was das mit dem Hildchen-Projekt zu tun hat. Ganz schön viel. Denn in dem Buch geht es nicht nur um Werner, sondern auch um mich. Weil ich es schreibe. Und hier habt ihr nun etwas über mich erfahren. Nächstes Mal geht’s dann wieder mehr um Werner.

Hier also mein Fazit, das auch als Rat gilt: Wenn ich einen klaren Kopf habe, dient mir Chaos als Inspiration. Ordnung sorgt dann nur dafür, dass ich mehr Zeit habe, all meine Inspiration zu nutzen. Das heißt, ich brauche beides. Problem gelöst! Ich finde Chaos also total in Ordnung.

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