Was man fürs Erwachsensein braucht

Heute geht’s um ein schwieriges, aber allgegenwärtiges Thema. Erwachsensein. Damit muss sich fast jeder irgendwann einmal herumschlagen. Und dennoch weiß keiner genau, was das eigentlich ist, das Erwachsensein.

Es gibt Dinge, die tun nur Erwachsene. Finanzielle Entscheidungen treffen. Zum Essen einladen. Geld verdienen müssen. Kinder kriegen. Ein Testament schreiben. 30 werden…

Huch, was macht denn der Schmetterling auf meinem Balkon? Ich schaue in meinen Kalender: schon November. Er muss doch frieren! Ob ich ihn in die Wohnung holen und hier überwintern lassen soll? (Ich schwöre, er ist wirklich da und nicht nur Hilfsmittel, um den Text aufzulockern!)

Erwachsen sein? Nein Danke.

Zurück zum Thema. Ehrlich gesagt habe ich auf diese sechs Beispiele alles andere als große Lust. Ich schreibe lieber ein Buch, was mich etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit kostet und somit mein ohnehin schon kleines Einkommen verkleinert. Ist das erwachsen? Ich lasse mich noch dazu sehr gerne von den orangen Punkten des schwarzen Schmetterlings auf meinem Balkongeländer ablenken. Weiße hat er auch, und jetzt versucht er zu fliegen. Aber wo will er denn hin? Darf ich mit? In den warmen Süden zu fliegen, ja das wär schon was.

Reiß dich zusammen, Annette. Der sechste Punkt deiner Aufzählung steht unmittelbar bevor. 30 werden ist ein übles Schicksal. Warum ich nicht 30 werden will? Weil ich noch keine Kinder kriegen möchte, weil mein Kontostand nicht hoch genug ist, weil ich nicht an die Rente denke, weil ich meine Heizung nicht entlüften kann und weil ich noch nicht weiß, was eine Hypothek ist.

Wie komme ich nur auf den Gedanken, dass diese Dinge Erwachsensein bedeuten? Nun ja, wenn man sich umsieht, wird einem überall eingeredet, dass es genau das und ähnliches ist, was das Erwachsensein ausmacht. Träume und Ideale werden beim Heranwachsen beiseitegeschoben.

Was macht einen Menschen erwachsen?

Der arme Schmetterling muss sich ja fühlen wie in Sibirien. Apropos Sibirien, da fällt mir mein Großvater ein, um den es ja eigentlich in diesem Blog und somit auch in diesem Artikel gehen soll. Wann wurde er erwachsen? frage ich mich, mit Blick auf seine Geschichte und den abgrundtiefen Riss, der die Gefangenschaft für sein Leben bedeutete. Kann man unter fremder Herrschaft erwachsen sein? Kinder zu kriegen war für ihn, obwohl er alt genug war, lange nicht einmal eine Möglichkeit. Er konnte nicht für die Rente sparen und auch nicht zum Essen einladen. Er konnte ja nicht einmal entscheiden, was es zu essen gab. Oder ob es überhaupt was gab. Heißt das, er war während seiner Gefangenschaft kein Erwachsener?

Fragen wir zur Sicherheit mal persönlich in die Runde, was andere unter Erwachsensein verstehen:

  1. Frau in den 50ern: „Verantwortung für sich selbst und sein Handeln zu übernehmen und sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst zu sein.“
  2. Mann in den 50ern: „Unter anderem die Fähigkeit, sich nicht ständig von den eigenen Gefühlen und Impulsen lenken zu lassen, sondern vernünftig zu handeln.“
  3. Frau in den 30ern: „Die paradoxe Welt zwischen zu vielen Verpflichtungen, gepaart mit fehlender Unbeschwertheit und dennoch allen Freiheiten im eigenen Handeln.“
  4. Frau in den 20ern: „Frei sein ohne ständig auf Regeln zu achten, Unabhängigkeit, keine Rechtfertigungen, aber Verantwortung.“

Deutlich wird aus diesen Definitionen, dass das Erwachsensein irgendwas mit Vernunft, Verpflichtungen und vor allem Verantwortung zu tun haben muss. Wie seltsam, dass all diese Wörtchen mit „Ver“ beginnen. Verlernt fällt mir spontan noch dazu ein. Wir verlernen beim Erwachsenwerden. Oder wie kann es sonst sein, dass wir so vieles nicht mehr tun, was uns als Kind Spaß gemacht hat? Jeder Erwachsene war doch mal ein Kind, und die Zeit war meistens schön. Also würde es sich doch lohnen, sich Peter Maffays Songtext mal zu Herzen zu nehmen und „irgendwo tief in mir“ nach dem Kind zu suchen. Wieder zu lernen, manchmal ein Kind zu sein, statt total verkrampft ständig möglichst erwachsen sein zu wollen.

Versteht mich nicht falsch. Es ist gut, erwachsen zu sein. Denn als Erwachsener kann man ab und zu wieder zum Kind werden. Wenn man es kann. Wenn die Fähigkeit und auch die Möglichkeiten dafür da sind. Andersherum geht das nicht.

Wäre ich doch nur der kleine schwarze Schmetterling da draußen, frei wie der Wind und nur an die Regeln der Natur gebunden.

Freiheit = selbstständig sein = Verantwortung?

Ich bin frei. Ich arbeite mit Absicht vollkommen selbstständig. Damit ich mir möglichst viele Freiheiten bewahre. Ich bin selbst verantwortlich für mich, meine Arbeit, meinen Tag. Das ist doch schon ziemlich erwachsen, wie ich finde.

Fassen wir also zusammen. Verantwortung braucht man nur dann zu übernehmen, wenn genügend Freiheit vorhanden ist. Keine Freiheit heißt: Keine Möglichkeiten, zu entscheiden oder zu handeln, somit keine Notwendigkeit, irgendeine Verantwortung zu übernehmen.

Somit ist der Schmetterling erwachsener als ich.

Wie sieht das nun bei Werner aus? Jahre hinter Stacheldraht. Freiheit? Fehlanzeige. Ich würde nicht sagen, dass er erwachsen handeln konnte. Da war kein Platz, um erwachsen zu sein. Zum Erwachsensein braucht man Raum, den mein Opa in der Gefangenschaft, in einer totalitären Situation nicht hatte, der ihm einfach nicht gewährt wurde. Was er tat, tat er aus Zwang.

Unnötig zu erwähnen, welch schlimme Auswirkungen die Gefangenschaft haben kann. Sie nimmt einem die Mündigkeit, die Möglichkeit, erwachsen zu sein. Ein Riss mitten im Leben, der keinem natürlichen Modus des Menschseins entspricht, also auch nicht dem Kindsein. Ein Riss in der natürlichen Entwicklung, die eigentlich darauf abzielt, ein Mensch zu werden, der sein Dasein meistern kann und sich in seiner Gesellschaft zurechtfindet.

Gedanken zerreißen die Schranken

Was ist aber mit dem inneren Erwachsensein? Die Gedanken sind frei, und so sind es auch die Gefühle. Der Weg zum Erwachsensein ist immer damit verbunden, die eigenen Gefühle kennen und verstehen zu lernen. Darum handeln wir Erwachsenen ja schließlich nicht immer impulsiv, sondern oft erst, nachdem die Vernunft noch ihren Senf dazugegeben hat. Wer seine Emotionen kennt, kann damit umgehen und vernünftig darauf reagieren, was – hier sind wir wieder – ein Teil des Erwachsenwerdens ist. Dem Bauchgefühl erst dann folgen, wenn man sich bewusst dazu entschieden hat, auch das ist Erwachsensein. Ich bin sicher, Werner hatte seine Gefühle im Griff, konnte sie verstehen und ist deshalb nicht verzweifelt. Äußeres Erwachsensein hat er nach der Gefangenschaft erlangt, an der Seite von Hildchen, in seinem Studium zum Lehrer und als Familienoberhaupt. Sozusagen indem er sein Leben frei gestaltet hat.

Und plötzlich kommt eine Nachricht rein, die Antwort meines Vaters. Auch ihm hatte ich die Frage „Was ist Erwachsensein für dich?“ geschickt. Nur ein Wort. Aber wie maßgeschneidert. Warum nur habe ich einen Schmetterling (wo ist der überhaupt?), über tausend Wörter und eine Umfrage gebraucht?

  1. Mann in den 60ern: „Freiheit.“
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2 Gedanken zu “Was man fürs Erwachsensein braucht

  1. Liebe Annette,

    wie immer hat mich auch dieser Beitrag sehr berührt. Mach dir doch bitte nicht so viele Gedanken übers Älter- bzw. Erwachsenwerden. DASS du dir darüber Gedanken machst, spricht für mich dafür, dass du schon ziemlich erwachsen bist. Und dein 30. Geburtstag wird bestimmt ein schöner Tag, auch wenn du noch nicht weißt, was eine Hypothek ist ;-).

    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg bei deinem „Hildchen-Projekt“ – du machst das klasse – und viele bunte Schmetterlinge auf deinem Balkon!

    … eine Frau in den 50ern, die gerne nochmal 30 wäre !

    (P.S. eine Hypothek ist ein Kredit, den man bekommt, weil man dem Geldgeber eine Immobilie (ein Haus, eine Wohnung o. Ä.) als Pfand bieten kann)

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Silke,
      vielen Dank für die netten Worte und auch die Aufklärung. Jetzt kann ich ja beruhigt 30 werden 🙂
      Ja, ich sollte mir nicht über alles den Kopf zerbrechen. Ich arbeite dran. Liegt aber in der Familie… Und ein Gutes hats: Die Texte werden besser.
      Viele liebe Grüße 🙂

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