Über Verantwortung, Schuld und Rechtfertigung

So sehr ich mich auch dagegen gewehrt habe, dieses Thema anzuschneiden – ich komme nicht drum herum. Es taucht immer wieder auf.

Eine Szene mit meinem Opa Werner kommt mir in den Sinn. Als er den Tatort guckte und ich spielend auf dem Teppich neben ihm saß und mich fragte, warum alle jemanden suchen, den offensichtlich sowieso keiner mag. Er hat mir erklärt, warum es wichtig ist, für seine bösen Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Ich möchte lieber nicht wissen, ob jemand aus meiner Familie im Krieg etwas getan hat, was in meinen Augen in die Kategorie „Untaten“ fallen würde. Ich möchte hier auch nicht meine Meinung dazu äußern, inwiefern einfachen Soldaten irgendeine Verantwortung unterliegt. Ich bin kein Historiker. Was ich aber gerne wissen würde, ist: Wie hat Werner und wie haben andere, die im Krieg waren, im Nachhinein über all das gedacht, was passiert ist und über ihren Anteil daran?

Die persönliche Meinung fehlt in weiten Teilen

Werner berichtet von schlimmen Erlebnissen. Nur einmal und nur kurz schneidet er das Thema der Schuld an. Er gibt an manchen Stellen des Textes seine eigenen Wertvorstellungen preis und macht deutlich, inwieweit diese von anderen missachtet werden. Ich erkenne, welche Personen sich seiner Meinung nach falsch verhalten. Er wurde nach seiner Heimkehr Lehrer, ging zur Kirche. Daraus schließe ich, dass eine gute Erziehung und Glauben zu seinen Werten gehörten. Er schreibt aber nichts darüber, ob seine eigenen Vorstellungen mit seinem Soldatendasein eventuell nicht zusammenpassten.

Antworten auf diese Frage hab ich viele. Er schreibt nun mal nicht über seine Zeit im Krieg, sondern über die Zeit in Gefangenschaft. Vielleicht deshalb, weil er nicht die richtigen Worte für seine Rolle als Soldat fand. Vielleicht deshalb, weil seine Schilderungen darüber der allgemeinen Verdrängung, die so lange vorherrschte, zum Opfer gefallen sind.

Werner nach dem Krieg

Im Gegensatz zu anderen Familien ist in unserer Familie niemals die Frage nach etwaiger Schuld aufgekommen. Keine unbeantwortete Frage darüber hat unsere Familie je belastet, weil wir Werner allesamt einzig und allein als den gesehen haben, der er für uns war. Ein liebender Großvater für mich und meine Schwester sowie eine Cousine und einen Cousin. Ein ebenso liebender und fürsorglicher Vater für drei Töchter und ein starker, vertrauensvoller Ehemann für Hildchen. Nicht zu vergessen ein Schuldirektor, der den ihm anvertrauten Grundschülern angemessene Werte zu vermitteln versuchte sowie engagierter Organist. All diese Rollen hat er für uns eingenommen und in keiner anderen haben wir ihn je kennengelernt.

Die Frage nach dem richtigen Verhalten in bestimmten Lebenslagen

Sicher ist seine Weste nicht immer weiß gewesen. Meine ist es auch nicht. Ich finde sowieso, dass nur Kinder und Tiere weiße Westen tragen. Wer gibt denn eigentlich vor, welche Handlungen eine weiße Weste beschmutzen? Handelt es sich nicht einfach nur um Moralvorstellungen, die eine Gesellschaft in ihrer Entwicklung aufstellt und dann als allgemeingültig ansieht? Sex vor der Ehe, Lügen und Diebstahl beispielsweise werden in unserer Zeit und Gesellschaft gar nicht oder nur leicht bestraft, in anderen Zeiten und Teilen der Welt aber als große Sünden angesehen. Daneben gibt es Taten, die eine Stufe höher zu stehen scheinen, wie etwa Mord. Sie scheinen uns vollkommen abseits von der Gruppe der Moralvorstellungen, die sich zwischen Kulturkreisen und innerhalb der Geschichte unterscheiden.

Meine Lebensumstände unterscheiden sich stark von denen meines Großvaters. Ich würde niemals eine Waffe benutzen, denke ich zumindest beim aktuellen Stand der Dinge. Aber ich habe schon Dinge getan, die in seinem Leben sicher als sündhaft galten und die er bestimmt nicht getan hätte. Für mich zeigt das, dass man alle Handlungen nur innerhalb der individuellen Lebensumstände beurteilen kann. Ich versuche es ständig, seitdem ich mir dieses Projekt vorgenommen habe, aber ich schaffe es nicht, mich richtig in seine Situation einzufühlen. Ich weiß nicht einmal annähernd, wie seine Lebensumstände, seine politische Situation und seine Gefühlswelt genau aussahen, auch wenn ich unzählige Berichte gelesen habe. Ich kann nicht die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Vierzig Jahre nach Kriegsende geboren, bleibt mir nichts als ein äußerer, sehr beschränkter Zugang zu seiner Welt.

Menschen müssen nicht grundsätzlich böse sein, um zu Schlechtem fähig zu sein. Es genügt oft, die eigenen moralischen Werte nicht für alle Menschen gelten zu lassen oder Zwang oder die Hoffnung auf eine Verbesserung und schon tun wir etwas, das nicht unserer Natur entspricht.

Jegliche Vermutung, die ich heute anstellen kann, ist falsch. Falsch, weil jede einzelne Möglichkeit so vielschichtig ist, dass ich sie nie ganz fassen und überblicken könnte. Wahr vielleicht in manchen Aspekten, aber doch eben nicht hundertprozentig richtig. Daher lass ich jede Vermutung dahingehend sein.

Und wo ich schon mal bei der Moral bin: Ich finde, alles was ich, also wir beide, Werner und ich, mit diesem Buch bisher bewirkt haben, ist gut. Die Familie ist näher zusammengerückt in der Erinnerung an ihn und Hildchen, weil ich sie mit Fragen löchere oder meine neuesten Erkenntnisse mit ihnen teile. Jetzt danach stochern, ob irgendeiner in meiner Familie einmal etwas tat, was die anderen schockiert hätte, würde nur Schlechtes anrichten. Es würde der Familie wehtun oder sie vielleicht sogar entzweien.

Ich vertraue darauf, dass Werner Gründe hatte, Details über seine Rolle im Krieg für sich zu behalten. Weil ich weiß, wer er danach war. Schwierigkeiten der Nachkriegszeit ließen eventuell kein Reflektieren zu, Erinnerungen werden verdrängt und verblassen dann.

Kürzlich habe ich einen sehr interessanten Artikel zum Thema „Krieg als Handwerk“ gelesen. Dort wird beschrieben, dass es keine Alternative gab. Wie Werkzeuge mussten Soldaten Befehle empfangen und ausführen. Orientierung an den eigenen Maßstäben war so gut wie nicht möglich. Raum, um Handlungen und deren Folgen ganz persönlich zu beurteilen, blieb nicht. Die Totalität der Situation ließ eine eigene Einschätzung schlichtweg nicht zu. Krieg, seine Verbrechen und die damit einhergehende Rolle für Soldaten waren Beruf und Arbeit, die als unveränderlich hingenommen werden mussten, als normales, alternativloses Verhalten zu akzeptieren waren. So haben sie sich vor Schuldgefühlen bewahrt.

Aufgefallen ist mir das sehr oft, als ich in den letzten Wochen Berichte über Krieg und Nachkrieg von anderen Zeitzeugen gelesen habe. Kaum einer schreibt über etwas anderes als Tatsachen. Gefühle werden so gut wie gar nicht thematisiert.

Die Gründe, warum Werner nichts darüber schrieb, hat er mit ins Grab genommen. Ich kann rätseln und die Ergebnisse auslegen, wie ich will, und werde ihnen dennoch nicht gerecht.

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Ein Gedanke zu “Über Verantwortung, Schuld und Rechtfertigung

  1. Liebe Annette,
    für mich hat sich nie die Frage gestellt, ob Werner – mein Vater – während des Krieges Schuld auf sich geladen hat. Er war Funker und hat meines Wissens nie eine Waffe in der Hand gehabt. Du beschreibst ja so schön, wie er für Dich war und so habe ich ihn auch wahrgenommen. Er war zwar mitunter ein strenger, aber auch gerechter und gütiger Vater. Beim Lesen Deiner Zeilen kam mir dann der Gedanke, dass es für ihn ja sehr wichtig war, seinen Glauben zu leben und seine Töchter im christlichen Glauben zu erziehen. Und so stelle ich mir vor, dass er die Schrecken des Krieges und evtl. Schuldgefühle durch den Glauben besser verarbeiten konnte, und das ist sehr tröstlich für mich.
    Deine Mama

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