Die weitere Reise in Estland: Was mein Besuch des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers bedeutet

Neun Kilometer entfernt vom schon beschriebenen hässlichen Industriegebiet Kohtla-Järves liegt das winzige Dörfchen Ereda, das ich während meiner Reise in Estland besuchen wollte. Hier befand sich das Kriegsgefangenenlager, in dem Werner hausen musste. Hausen ist das falsche Wort, weil es sich nicht mal um ein richtiges Haus handelte, aber welches Verb eignet sich denn für Zustände, die mir noch 70 Jahre später diese eigentlich nette Gegend verübeln? Wohnen? Klingt zu sehr nach Wohnzimmer, was eine positive Assoziation weckt und daher wegfällt. Verweilen? Klingt nach Freiwilligkeit und ist daher auch unmöglich zu verwenden. Ich ändere den Satz um in „ … in dem Werner fast starb.“ Denn daran musste ich die ganze Zeit denken, als ich das gemütliche Örtchen besuchte.

So magerten alle innerhalb weniger Wochen bis auf die Knochen ab. Die äußerst harte Arbeit, das schlechte Herbstwetter und der bald einsetzende Winter mit seiner Kälte beschleunigten den ganzen Abmagerungsprozeß nur noch. Ende November hatten wir die ersten Toten, die regelrecht verhungert waren. Sie wurden irgendwo am Waldrand verscharrt, ohne Kreuz, ohne Gedenktafel, ja nicht einmal ein Grabhügel durfte zu sehen sein, die ganze Erde mußte gleichmäßig im Gelände verteilt werden.

Der Ort des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers
Der Ort des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers

Eines Tages sagte Karl zu mir: „Ich glaube, du bist einer der Nächsten, die wir hinaustragen, so schlecht siehst du aus!“ Das schreckte mich auf. Einen Spiegel hatte ja kaum einer mehr. Wir konnten uns deshalb auch nicht betrachten. Wir sahen nur, wie die anderen Kameraden immer mehr abmagerten. Ich fragte deshalb herum, ob noch einer einen Spiegel besitze. Und als ich endlich einen aufgetrieben hatte, erschrak ich tatsächlich.

So hatte ich mir mein Aussehen nicht vorgestellt. Die Backen waren eingefallen, die Backenknochen stark hervorgetreten, das Kinn spitz, die Augen schauten groß aus tiefen Höhlen heraus, die Haare zum Glatzkopf geschoren, ich erkannte mich kaum mehr.

Nun wußte ich auch, warum es mir in den Wochen, die wir nun schon in Estland waren, zunehmend schwerer gefallen war, die Beine zum Gehen und die Arme zum Arbeiten zu bewegen. Jede Bewegung fiel uns allen unheimlich schwer, die Verzweiflung griff immer mehr um sich. Kaum einer rechnete damit, die Heimat jemals wiederzusehen.

Bei den allabendlichen Zählungen, die oft 1 bis 1 1/2 Stunden dauerten, fielen immer wieder Leute um und mußten von den anderen gestützt werden. Den russischen Lagerkommandanten in jenen Monaten, einen Hauptmann, kümmerte das nicht, im Gegenteil. Er ließ uns auch immer wieder seine Verachtung spüren, indem er meistens lange auf sich warten ließ, bis er kam, um die Meldung entgegenzunehmen. Dann kam es mehrmals vor, daß er in Richtung zu den angetretenen Gefangenen pinkelte, um uns zu zeigen, wie sehr er uns verachtete. Unsere lauten Proteste beantwortete er damit, daß er uns noch einmal eine halbe Stunde länger stehen ließ, und das bei Regen, bei Kälte und Sturm.

Diese Szene passierte irgendwann zwischen dem Herbst 1945 und dem Frühling 1946. Ich frage mich, ob ich nur hergekommen bin, um Steine zur Erinnerung mitzunehmen, was gar keinen Sinn hat, denn erinnern werde ich mich auch ohne estnisches Gestein. Ich weiß, was hier passiert ist und brauche eigentlich gar keinen Ort, der mir sowieso nicht zeigen kann, was war, weil es keine Spuren mehr gibt.

Trotzdem war es mir wichtig, herzukommen. Ich stehe herum und versuche, mir immer zu sagen: „Genau hier war er, und genau hier hat er dem Tod ins Auge gesehen. Genau diesen Fleck Erde hat er schon betreten und vielleicht war genau hier, wo ich jetzt stehe, sein Schlafplatz.“ Es funktioniert nicht so richtig und ich bin wieder mal enttäuscht von meiner eigenen Vorstellungskraft.

Ereda
Ereda

Es hat sich trotzdem gelohnt, denn wenn ich recht überlege, geht es gar nicht um den Ort an sich. Es geht einzig um die Erinnerung. Dieser Ort ist ein Ankerpunkt, an dem sich die Geschichte meines Großvaters festmacht, oder besser gesagt, ich mache sie fest, indem ich hier bin. Gedanklich klebe ich meinen 25jährigen Großvater, von dem ich ein Bild aus dem Jahre 1948 habe, in diese Landschaft ein und lasse ihn herumlaufen.

Fazit des Besuchs der Lagerstätte in Estland

So wird die Geschichte, die ich nur aus Werners Manuskript kenne, viel realistischer. Es gibt kein Lager und keinen Hunger und dennoch kann ich ansatzweise nachvollziehen, wie er sich hier gefühlt haben könnte, als Gefangener in den beschriebenen Umständen. Mein Magen zieht sich zusammen, als würde er auf irgendetwas reagieren, das es aber gar nicht mehr gibt. Ich kann nun ein ganz klein bisschen verstehen, wie sein Leben hier aussah, und habe durch diesen Teil meiner Reise in Estland ein Puzzlestück mehr in meinem riesigen Gesamtbild voller Lücken.

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2 Gedanken zu “Die weitere Reise in Estland: Was mein Besuch des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers bedeutet

  1. Liebe Annette,
    Deine Erlebnisse, die Reise und Deine Eindrücke und Gedanken berühren mich sehr und bringen mir die Geschichte meines Vaters (Deines Opas) bzw. meiner Eltern wieder sehr nahe. Danke dafür und viele Grüße

    Gefällt mir

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