2. Station: Estland – Wem wir gedenken, den beleben wir.

Manche Orte sind so schön und strahlen einen solchen Frieden aus, dass es schwerfällt, sie wieder zu verlassen.

Die Gedenkstätte in Kohtla-Järve in Estland, die gleichzeitig auch ein Friedhof für Kriegsgefangene ist, die nicht überlebt haben, ist für mich solch ein Ort. Ein wahres Kleinod in einer tristen Gegend. Ein winziger stiller Ort, inmitten von Gebüsch und Natur. Stelen, dicht beschrieben mit Namen und Geburts- sowie Todesdaten hunderter Toter, hinter jedem Namen ein Gesicht und ein Schicksal, ähnlich wie das von Werner, nur dass die Geschichten derer, die hier liegen, an diesem Ort enden. Ein großes simples Kreuz aus Stahl in der Mitte, das deutlich macht, wie hart und lieblos das Leben der Gefangenen hier gewesen sein muss.

Beim Gedenken an Werners Kameraden
Beim Gedenken an Werners Kameraden

Mich freut, dass das Gras hier gepflegt aussieht und somit anscheinend öfter jemand vorbeikommt. Sei es auch nur zur Rasenpflege, denn der Weg hierher war mehr als schwer zu finden, weil alles zugewachsen ist. Ich kann mir sicher sein, dass ich den Moment für mich haben werde. So gut besucht sieht es dann doch nicht aus.

Erst nach einer Weile bemerke ich, dass die Geräusche so gar nicht an diesen Ort passen. Wir befinden uns inmitten von Natur und Grün, und doch ist kein Vogelgezwitscher zu hören, wie ich es sonst von Friedhöfen gewohnt bin. Stattdessen: Fabriklärm in der Ferne. Das riesige unheimliche Industriegebiet von Kohtla-Järve, in dem Werner und seine Kameraden schuften mussten, ist sogar hier noch zu hören und auch zu sehen.

Fabriklärm am Ort der Stille
Fabriklärm am Ort der Stille

Ich frage mich, woran es liegt, dass der Ort trotzdem so angenehm ist. Vielleicht erscheint er erst recht wegen der tristen Umgebung so schön und friedlich. Wie eine kleine Blume, die inmitten von anderen Blumen nicht ins Auge fällt, aber umso schöner wirkt, wenn sie aus einem Riss im Asphalt herausgewachsen kommt. Vielleicht bin ich auch einfach nur froh, dass Werners Name nicht hier steht, sondern zusammen mit dem von Hildchen auf einem schönen Stein in seiner Heimatstadt. Wie ungerecht, dass 750 Männer, die gezwungen wurden, hier einen Teil ihres Lebens zu verbringen, nun dazu verdammt sind, für immer zu bleiben.

Auch an der Gedenkstätte für ermordete Juden halten wir kurz an. Denn neben dem Kriegsgefangenenlager gab es in diesem trostlosen Ort mit der mehr als traurigen Geschichte auch ein KZ. Auch ihnen gedenken wir einen stillen Moment lang.

In der Vergangenheit leben ist nie eine gute Idee. Wer meinen Blog liest, könnte meinen, ich tu nichts anderes, als die Vergangenheit aufarbeiten und an Zurückliegendes zu denken. Das stimmt aber überhaupt nicht. Einem lieben toten Menschen gedenken kann man überall und auch mit Blick in die Zukunft, indem man das Beste daraus macht, was man von diesem Menschen gelernt oder mitgenommen hat. Für mich war der Besuch hier vor allem aus dem Grund wichtig, weil er das einzige war, das ich fand, was schwarz auf weiß beweist, was hier vorgefallen ist. Denn ansonsten ist alles wie wegradiert.

Mir kommt Bettina von Arnims Satz in den Sinn: „Was wir vergessen, töten wir, wessen wir gedenken, das beleben wir.“

Warum gibt es eigentlich keinen Gedenktag oder ähnliches, an dem wir unseren durch den Krieg Gestorbenen gedenken?

Advertisements

2 Gedanken zu “2. Station: Estland – Wem wir gedenken, den beleben wir.

  1. Liebe Annette,
    du hast wieder sehr berührend von deiner Reise und deinen Eindrücken geschrieben. Danke, dass du uns daran teilhaben lässt.
    Übrigens, es gibt schon einen Tag zum Gedenken an Kriegsopfer – das ist der Volkstrauertag so um Mitte November. Bestimmt wirst du ihn in diesem Jahr bewusster erleben!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s