Meine Reise in Riga: Die Zeit ist aus den Fugen

Welchen Schatz ich mit dem alten Text von Werner besitze, ist mir besonders am letzten Tag meiner Reise in Riga klar geworden.

Ich habe Andrejs Edvīns Feldmanis getroffen, der für das Okkupationsmuseum in Riga arbeitet, Forschungen betreibt und so ziemlich alles über das Leben der Kriegsgefangenen in Riga weiß, was man wissen kann. Er hat sich einen ganzen Tag für mich Zeit genommen und sich die allergrößte Mühe gegeben, mir dabei zu helfen, ein Bild davon zu bekommen, wie Werners Zeit in Riga aussah.

Schön war auch, dass er durch Werners Text ebenfalls Neues erfuhr. Details zur Arbeit im Hafen und über die genaue Lage konnten aufgrund der Beschreibungen nachgezeichnet werden.

Mit Evita Feldentāle (Übersetzerin) und Andrejs Edvīns Feldmanis
Mit Evita Feldentāle (Übersetzerin) und Andrejs Edvīns Feldmanis

Arbeit am Fluss

An der Stelle, an der Werner arbeitete, Holzflöße auf der Düna (lettisch: Daugava) auseinanderbaute, steht heute ein großes Bankgebäude. Andrejs brachte mich dorthin. Nichts erinnert mehr an die vielen Gefangenen, die dort schufteten. Es ist trotz Bank eine schöne Stelle. Stufen führen direkt ins Wasser und man sieht die vielen Türme von Riga am gegenüberliegenden Ufer aufragen. Enten schwimmen herum. Ich habe versucht, mir ein riesiges Floß vorzustellen, an dem mehrere Männer arbeiten:

Mich hatte man in ein Arbeitskommando am Hafen gesteckt. Hier mußten wir Holzflöße, die die Düna herab gezogen und in ein Seitenbecken des Hafens bugsiert wurden, auseinander­nehmen. Die Flöße bestanden aus lauter 2 m langen Rundhölzern, die mit Draht aneinander- und zu mehr als 50 m langen Feldern zusammengebunden waren. Mehrere Felder ergaben dann ein Floß. Immer 2 Mann arbeiteten zu­sammen. Jeder hatte eine Drahtschlinge mit einem Holzgriff, in welche die beiden Enden eines oder mehrerer Rundhölzer eingehängt und dann auf Holzschienen die Böschung hinaufgezogen wurden. Oben standen 2 Mann, die die Hölzer aushängen und auf 2 m hohe Stapel aufschichten mußten.

Hier ist Werner während der Arbeit ins Wasser gefallen. Es gibt so viele Anhaltspunkte, aber meine Vorstellungskraft hat mich trotzdem im Stich gelassen. Ein ungefähres Bild oder ein Gefühl in Bezug auf diese Stelle wollte sich nicht recht einstellen.

Der Arbeitsplatz an der Düna
Der Arbeitsplatz an der Düna

Ebenso erging es mir auf dem Areal, an dem die Wohnbaracken für die Gefangenen standen. Eine leere, wild bewachsene Fläche, die von der Stadt sich selbst überlassen wird. Verloren stand ich auf dem Feld und wusste nicht so recht, wie ich mich fühlen sollte. Rührung oder Trauer hatte ich erwartet, aber nichts. Ich hab kein Bild vor meinem inneren Auge zustande gebracht, das meinen Opa hier gezeigt hätte.

Die Rührung setzte an der letzten Station ein:

Wenn nach etwa 6 Wochen das Holz abgetrocknet war, kamen offene Schlepp­kähne, in die das Holz verladen werden mußte. Wir trugen es auf den Schultern also wieder hinunter ans Wasser. Die vollen Kähne wurden über die Düna gezogen. Am andern Ufer mußten wir die Hölzer, wieder auf den Schultern, hinauf zum Bahndamm tragen, wo sie dann in Eisenbahnwaggons verladen wurden. Das waren immer geschlossene Waggons, wo es besonders schwierig war, die Hölzer richtig zu verstauen, vor allem, wenn der Wagen schon fast voll war, so daß man die Hölzer nicht mehr so drehen konnte, wie es oft nötig war. Die Züge fuhren später ins Kohlenrevier im Donezbecken, wo die Hölzer als Grubenholz Verwendung fanden.

Arbeitsplatz am Hafen
Arbeitsplatz am Hafen

Vielleicht, weil hier Arbeitsatmosphäre herrscht, denn die Bahnlinie gibt es immer noch. Hier arbeiten immer noch Männer und Züge kommen unter unangenehmem Quietschen angefahren, um beladen zu werden. Fast genau wie früher also. Hier hat sich das trübe Bild etwas gelichtet und mir Werner als jungen Mann gezeigt, der Holz schleppt, sich mit den Aufsehern anlegt und sehnsüchtig an sein Hildchen denkt.

Die Reise nach Riga: ein voller Erfolg

Andrejs ist den ganzen Tag hindurch leidenschaftlich bei der Sache gewesen. Ich bin ihm unendlich dankbar für die Tour durch die Stadt, seine Mühe, Geduld mit mir und sein Engagement in Bezug auf die Geschichtsforschung. Er war für mich nicht nur Informationsquelle, sondern auch eine enorme Motivation, mein Vorhaben durchzuziehen.

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