Riga: Reise in die Vergangenheit – zwischen Begeisterung und Wehmut

Wo ich hinsehe, denke ich an meinen Großvater. Die vielen alten Häuser, die es hier noch gibt, hat er vielleicht auch schon gesehen – vor ganz genau 70 Jahren. In jeder Straße, in der ich laufe, stelle ich mir vor, dass er hier entlang marschiert ist, wie er die Ankunft in Riga nach einem Fußmarsch von zehn Tagen unmittelbar nach der Kapitulation im Mai 1945 berichtet:

Am 10. Tag unseres Marsches aus Kurland nach Riga waren wir in der lettischen Hauptstadt angekommen. Wir waren todmüde. Dennoch marschierten wir im Gleichschritt und in Fünferreihen durch die Straßen der Stadt. Wir sangen sogar Soldatenlieder, die uns den Gleichschritt erleichtern sollten. Wir wollten damit doku­mentieren, daß die Kurlandarmee keine geschlagene, sondern eine völlig intakte Armee war, die nur auf Befehl kapituliert hatte. Wir wären damals bis kurz vor der Kapitulation sogar bereit gewesen, aus Kurland auszu­brechen und uns nach dem Westen durchzuschlagen, wenn die Westmächte mit der Wehrmacht gemeinsame Sache gegen die Russen gemacht hätten. Wie idio­tisch diese unsere Meinung war, haben wir erst viel später erkannt. Aber damals war es unsere letzte Hoffnung, der russischen Gefangenschaft doch noch entgehen zu können. Davor hatten wir die größte Angst. Sie war nicht unbegründet, wie sich in den folgenden Jahren zeigen sollte.

Wir marschierten also im Gleichschritt durch Riga, kreuz und quer durch alle Stadtviertel. Die Russen wollten der lettischen Bevölkerung ihren grandiosen Sieg demonstrieren. […] Die Bevölkerung stand stellen­weise dicht gedrängt an den Straßenrändern, dazwischen viele Russen und Russinnen in Uniform, Angehörige der rückwärtigen Dienststellen. Von ihnen hatten wir die meisten Schmähungen zu ertragen: Rufe wie „Woina (Krieg) kaputt“, „Gittler kaputt“, „Gehring kaputt“ usw. schallten uns immer wieder entgegen. Sie versuchten sogar ab und zu, einzelne Gefangene zu sich her­anzuziehen und zu verprügeln. Manchmal entwickelten sich daraus richtige Schlägereien, da wir natürlich unsere Kameraden sofort verteidigten. Bis die Begleitmannschaften dazwischenfuhren und ihre Kameraden abdrängten.

So lief auch ich nach meiner Ankunft zuerst einmal durch die Straßen der Stadt und dachte an Werner. Es ist schwierig, mich auch nur annähernd in ihn hineinzuversetzen, nachzuvollziehen, was wohl in seinem Kopf vorging, da mich Riga mit offenen Armen empfing. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl, wenn ich auch vorher gemischte Gefühle hatte. Der Klang von „Riga“ löst in mir aufgrund Werners Geschichte einen Kloß im Hals aus, und trotzdem war ich gespannt auf diesen beeindruckenden Ort. Schon nach der Lektüre einiger Reiseblogs und besonders nach Jakobs Bericht ahnte ich, dass ich die Stadt mögen werde.

Die zwei Gesichter der Stadt

So war es dann auch. Ich bin von Riga begeistert. Der erste Tag mit meiner Schwester und ein paar anderen Reisenden hätte besser nicht sein können. Ständig begleitet hat mich jedoch wie ein dunkler Schatten die Gewissheit, dass mein Großvater an diesem Ort die wohl gegensätzlichsten Gefühle durchlebte, die es gibt. Er schlitterte von seinem Dasein als Soldat, das ihm mit Anfang 20 sicher auch eine Menge Angst einjagte, direkt hinein ins nächste Übel. Wo ich Spaß habe, mich freue und die Andersartigkeit der Kultur genieße, hatte er Angst vor bevorstehender Gefangenschaft, war ausgelaugt vom Krieg und von Heimweh geplagt.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Die Stadt kann nichts dafür, genauso wenig wie ich, also ist mein schlechtes Gewissen, wenn ich frei und selbstbestimmt durch die Straßen flaniere, unbegründet. Und doch werde ich es nicht los. Wie würde ich mich fühlen, wenn einer meiner Lieben sich an einem Ort amüsierte, der für mich selbst ein Ort des Schreckens wäre? Vielleicht würde ich meinem Großvater den Schrecken ja im Nachhinein etwas nehmen, wenn ich ihm von den schönen Seiten Rigas erzählen könnte, die es heute gibt. Dass die Menschen freundlich sind, und an jeder Ecke ein Musikant steht, der die Straßen mit fröhlichen Klängen füllt. Es würde ihn sicher freuen zu erfahren, dass Deutsche in Lettland gerne gesehen sind und die Stadt eine durchweg positive Atmosphäre ausstrahlt. Jetzt erst recht werde ich „Riga“ mit meinem Großvater und seiner Geschichte verbinden. Das Schöne daran ist aber, dass ich sie nun noch etwas mehr mit meiner eigenen verknüpft habe.

Es wird spannend!

Auf detailliertere Spurensuche gehe ich am Dienstag. Da treffe ich einen Herrn aus dem Kriegsmuseum, der Spezialist für Gefangenenlager ist und sich nach meinem Telefonat mit dem Militärattaché mit mir unterhalten und mir ein paar Orte zeigen möchte. Was dabei herauskommt, wird natürlich sofort hier niedergeschrieben!

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7 Gedanken zu “Riga: Reise in die Vergangenheit – zwischen Begeisterung und Wehmut

  1. Liebe Annette,

    ich habe mir gerade deine neuesten Gedanken durchgelesen.
    Es freut mich, dass ihr so positive Eindrücke von Riga – sowohl von der Stadt als auch den Menschen – habt.

    Leider kann ich das nicht ganz nachvollziehen. Bei unserem Besuch im letzten Jahr hat sich uns Riga sehr negativ präsentiert. Wir waren ja mit dem Auto unterwegs und auf dem Weg in die Innenstadt und auf der Suche nach einem Parkplatz hat man uns wiederholt böse angehupt, gefährlich überholt und sogar aus dem offenen Fenster mit der geballten Faust beschimpft. Wir haben uns schon gefragt, ob es am deutschen Autokennzeichen lag oder ob man allgemein mit Fremden (also auch mit Besuchern der Stadt) so ungeduldig und unhöflich umgeht.

    Auch beim Rundgang durch die Stadt sind uns – obwohl es ein schöner, warmer Sommertag war – sehr viele, auch junge, Menschen mit einem mürrischen und unzufriedenen Gesichtsausdruck aufgefallen. Keine Unbeschwertheit und Freude am Hier und Jetzt war darauf zu erkennen. Das hat mir damals sehr zu denken gegeben. Darunter hat natürlich der ganze Eindruck der Stadt sehr gelitten. Zweifelsohne ist Riga eine schöne Stadt, man hat viel wieder renoviert und es gibt schöne alte Häuser. Aber mir hat sich auch hier der Eindruck aufgedrängt, dass das zum großen Teil nur vordergründig und „Fassade“ im wahrsten Sinne des Wortes ist. Wenn man mal abseits der Touristenstrecke geht und in Hinterhöfe und Seitengassen schaut, bekommt man noch ein deutlich anderes Bild.

    Aber wie gesagt, das war mein Eindruck und es freut mich, dass sich die Stadt und die Menschen dir und deiner Schwester positiv präsentieren.

    Auf jeden Fall hast du keinerlei Grund, ein schlechtes Gewissen gegenüber deinem Opa zu haben. Ich denke – nein ich weiß – dass er sich sehr über dein Engagement (und das deiner Schwester) freuen würde. Ich glaube, dass er den Bericht damals nicht nur für seine eigene Vergangenheitsbewältigung geschrieben hat sondern auch für seine Familie. In erster Linie also für uns, seine Töchter und dann auch für seine Enkelkinder. Es war ja auch sein Wunsch, dass andere von den Zuständen, die damals herrschten und die so viele mit ihm teilen mussten, erfahren und er wäre sehr stolz, dass du weiter bemüht bist, dies in die Tat umzusetzen.

    Ich wünsche dir also weiterhin viel Erfolg und danke dir – stellvertretend auch für Werner.

    Es umarmt dich
    Deine Tante Silke

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    1. Hallo Silke,
      schade, dass du in Riga so negative Erfahrungen gemacht hast! Ich hab zwar auch einige unfreundliche Begegnungen gehabt, aber auch genauso viele gute. Vor allem das Treffen mit dem lettischen Historiker war sehr positiv. Er hat sich einen ganzen Tag Zeit genommen und extra eine Dolmetscherin mitgebracht. Davon werde ich bald berichten. Wie man eine Stadt wahrnimmt, hängt eben auch von so vielen Zufällen ab…
      Vielen Dank für deine guten Wünsche. Diese Reise zeigt mir wieder ganz deutlich, dass es die richtige Entscheidung war, die kleine braune Truhe nochmal zu öffnen und den Text hervorzuholen.
      Die liebsten Grüße
      aus Jurmala

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  2. Die Eltern meiner Frau haben bis zu ihrer Flucht in Riga gelebt. Sie und ihre Schwester haben vor einigen Jahren eine Reise dorthin gemacht. Die Stadt hat ihnen sehr gefallen und auch die jetzigen Bewohner des Elternhauses waren sehr freundlich zu ihnen.
    Vielen Dank für den interessanten Bericht!

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      1. Gern geschehen!
        Willst du nicht auch in meinem Forum „Wir Alten 3.0!“ mitmachen? Auch jüngere Jahrgänge sind im Hinblick auf einen Gedankenaustausch zwischen den Generationen immer willkommen.

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