17. August: Reise in die Vergangenheit – die Vorbereitung

Am liebsten verreise ich, wenn ich die Reise mit irgendeinem Ziel verbinden kann. So bin ich neulich zum Beispiel mal in den Süden von Spanien gefahren, um dort Leute zu treffen, die wie ich ohne Bindung an irgendeinen Ort arbeiten. Dieses Mal entstand der Plan für die nächste Reise aus dem Hildchen-Projekt. Und am Freitag geht’s schon los: Ich fahre an zwei der drei Orte, an denen mein Großvater in Gefangenschaft war: Riga in Lettland und Ereda sowie Kohtla in Estland.

Riga: nur vage Infos

Meine liebe Schwester wird mich begleiten, wenn es am Freitag zuerst von Frankfurt in die Hauptstadt von Lettland geht. Im Gegensatz zum Lager in Estland hab ich vom Lager in Riga, in dem Werner von Mai bis Oktober 1945 war, leider keinerlei Information. Keine Gedenkstätte, keine Lagernummern, nichts. Nur diese Textstelle von Werner:

Nach etwa einer Stunde Marsch kamen wir an einen großen Platz. Hier lagerten große Mengen Bauteile von abgeschlagenen Baracken: Seitenwände, Dachgiebel, Türen, Fenster usw. mit je 4 Mann mußten wir nun diese Barackenteile zum Lager zurücktragen. In einer kilometerlangen Schlange zogen wir wieder durch Schrebergärten und Vorstadtstraßen nach Riga zurück. Diese Arbeit wiederholte sich nun Abend für Abend, bis nach etwa 2 Wochen alle Barackenteile in unserem Lager aufgestapelt waren.

Sehr sehr dürftig. Trotzdem schrieb ich an die kulturelle Abteilung des Auswärtigen Amtes eine E-Mail mit der Bitte um weitere Informationen, falls es denn welche gibt. Erhofft habe ich mir davon gar nichts, aber schon am nächsten Morgen wurde ich sehr positiv überrascht. Der Leiter des Militärattachés wollte mit mir telefonieren! Was dabei herauskam, erfährst du in Kürze.

Ereda/Kohtla-Järve: vielversprechend

Mit einem Mietwagen planen wir, danach ins benachbarte Estland weiterzufahren. Dort gibt es ein klitzekleines Dörfchen, in dem sich während und nach dem Krieg ein Gefangenenlager befand, in dem Werner von Oktober 1945 bis Mai 1946 interniert war. Die Rede ist vom bereits erwähnten Ereda, in dem heute angeblich nur noch knapp 70 Menschen wohnen. Ob mein Plan aufgeht, und ich dort jemanden finde, der 1. etwas älter ist und das Dorfleben mit Lager erlebt hat, 2. sonstige Informationen hat, 3. weiß, wo genau das Lager stand, denn soweit ich weiß, existiert nicht mal mehr ein winziger Rest davon, 4. mich versteht und 5. in Plauderlaune ist?

Kohtla-Järve steht dabei auch auf dem Programm. Nur neun Kilometer entfernt von Ereda, ist Kohtla-Järve der Ort, in dem Werner in einem Sägewerk arbeitete. Ob das Sägewerk, das heute dort ansässig ist, an derselben Stelle steht wie früher, ob die Menschen dort bereit sind, mir irgendwelche Auskünfte zu geben und was mich erwartet, kann ich heute noch überhaupt nicht erahnen. Weder das Internet noch meine E-Mails an die Stadt haben etwas Licht ins Dunkel gebracht.

Und wofür?

Die Antwort auf die Frage, warum ich die Reise unternehme, ist sehr persönlich. Kurz und knapp: Ich möchte wissen, wie ich mich an den Orten fühle, an denen mein Großvater die schwerste Zeit seines Lebens erfuhr. Ich werde in Riga meinen Fuß in die Düna (den Fluss) halten und meinem Opa gedenken, der während der Arbeit hineinfiel. Ein Stück des Weges zwischen Kohtla und Ereda werde ich zu Fuß gehen und daran denken, wie er diesen Weg täglich zweimal zu Fuß zurücklegte. Vielleicht werde ich die Gräberstätte besuchen und mir angucken, wie seine Kameraden hießen, die in Ereda gestorben sind. Und ich möchte wissen, wie die Landschaft aussieht. Wie das alles meinem Buch nützt, werde ich dann sehen.

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