10. August: Der erste Tiefpunkt

Heute wird mir der starke Gegensatz der liebevollen Briefe, die ich im letzten Beitrag beschrieben habe, zu Werners Text bewusst. Seine Beschreibungen sind ehrlich und zeigen, wie sich sein Leben damals abgespielt hat. Er schreibt rundum nüchtern, wie sich das Weltgeschehen auf sein Schicksal ausgewirkt hat.

Sehr auffällig ist, wie distanziert er alles schildert. Er schreibt nicht, wie genau er persönlich sich gefühlt hat, sondern bleibt, wenn überhaupt, bei allgemeinen Emotionen, die auf alle Männer in der gleichen Situation passen müssten.

Aber leider gibt das Manuskript, was Emotionen angeht, gar nicht viel her. Das macht es für mich natürlich noch schwieriger, ein persönliches Buch daraus zu basteln, das sich von einem reinen Tatsachenbericht abhebt.

Warum er so schreibt und nicht etwas mehr Emotionen einstreut, weiß ich nicht. Möglicherweise war es Selbstschutz und geistige Distanzierung, die er irgendwie mit dem Wunsch nach Aufarbeitung vereinbaren musste. Offensichtlich war diese Form des Schreibens weit verbreitet unter bekannten Literaten der Nachkriegszeit. Sie konzentrierten sich auf die Wahrheit, beschrieben das, was geschehen war, sehr detailliert und drückten Gefühle einfach nicht aus. Die Inhalte lesen sich für uns manchmal etwas schmucklos, weil sie oft nicht mehr als simple Beobachtungen sind, die die Not in den Jahren nach dem Krieg darstellen. Da passt Werners Geschichte sehr gut dazu.

Ein Beispiel:

In der Nacht vom 24. zum 25.12.1945 transportierten Werner und seine Kameraden etwa zwölf Stunden lang losen Zement aus einem Waggon oberhalb eines Damms in Kohtla (Estland) in eine Bretterbude unterhalb davon:

Unaufhörlich, Stunde um Stunde, wälzte sich dieser kleine Bandwurm [gemeint sind die im Kreis arbeitenden Männer] den Damm hoch, stellte die Trage ab, ließ sie füllen, zog weiter, den Damm hinunter und in die Bretterbude, ließ den Zement fallen und verdichtete die Staubwolke noch mehr. Schemenhaft sah man die Träger in der Hütte verschwinden, hörte ein dumpfes „Plummmmmmps“, sah sie wieder wie Geister aus diesem undurchdringlichen Zementnebel auftauchen und den Damm hochkeuchen.

Der Schwung und die Begeisterung, die mich die letzten Tage begleitet haben, sind heute also etwas gewichen und haben dem allergrößten Respekt vor dieser Herausforderung Platz gemacht. Ich muss entscheiden, ob ich dem gerecht werden kann, was Werner mit seinem Manuskript sagen wollte.

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