3. August: Hinein ins Datengewirr

Meine heutige Aufgabe: Herausfinden, wo mein Großvater eigentlich zu welchem Zeitpunkt genau war und was er über die verschiedenen Orte berichtet.

Die Schwierigkeiten

Die Chronologie, die ich heute erstellt habe, hat mich einiges an Zeit und viel Kopfrauchen gekostet. Zuerst druckte ich die 42 Seiten seines Manuskripts aus und markierte jede kleine Stelle, in der er erwähnt, wann er wo war oder auf irgendwelche anderen Daten verweist. Weil er ständig hin und her springt, ohne seine Leser darauf hinzuweisen, hat sich diese Recherche sehr schwierig gestaltet. Noch dazu irrt er sich einmal in der Jahreszahl, was ich aber erst nach Stunden erkannte.

Außerdem muss ich sagen, dass der Text eigentlich mehr aus Lücken als aus zusammenhängenden Berichten besteht. Was er beschreibt, teilt er in drei Kapitel ein, die sich nicht auf Zeiten oder Orte beziehen, sondern auf Erlebnisse. So spielt seine Uhr die wohl wichtigste Rolle, und er beschäftigt sich in allen drei Orten, in denen er war, mit ihr. Aufgeschrieben hat er das offensichtlich in der Reihenfolge seiner Erinnerungen, die ganz und gar nicht geordnet oder einfach nachvollziehbar sind. Das bedeutet, dass er innerhalb des Uhr-Kapitels mehrere Zeitsprünge macht und von Ort zu Ort und wieder zurück wechselt. Ich würde gerne wissen, was der Grund dafür ist. War seine Absicht, Spannung zu erzeugen, wollte er eine literarische Arbeit daraus machen? Oder hat er einfach drauflos geschrieben und die Feder von seinen Gedanken führen lassen?

Um das Ganze so professionell wie möglich und eventuell auch etwas distanziert anzugehen, habe ich mich außerdem entschlossen, meinen geliebten Opa ab heute mit seinem Vornamen zu bezeichnen: Werner.

Die Ergebnisse

Als Teil der Kurland-Armee geriet Werner nach der Kapitulation in Tukums am 10. Mai 1945 in russische Gefangenschaft. Nach einem Marsch von zehn Tagen erreichte er Riga, wo er bis September blieb und im Hafen arbeitete. Ende September wurde er nach Estland abtransportiert. Die Fahrt im Viehwaggon dauerte fünf Tage. In Kohtla-Järve arbeitete er im Sägewerk und das Lager, in dem er wohnte, befand sich in Ereda. Etwa im Mai 1946 wurde er dann in ein Gebiet westlich von Ufa in den südwestlichen Ausläufern des Ural geschickt, wo er Straßen baute. Im Juli 1948 kam er nach Karlsruhe zurück.

Und ich?

Ich bin geschockt. Ich weiß natürlich, dass es die meisten Kriegsgefangenen sehr schwer hatten. Ich wusste auch schon vorher von den Erlebnissen meines Opas. Trotzdem nimmt es mich heute mit, dass jemand, der mir nah stand, eine solch tragische Vergangenheit zu bewältigen hatte. Ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen und gebe gleichzeitig auf, weil es unmöglich ist. Bei seiner Rückkehr war Werner zwei Jahre jünger als ich heute.

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4 Gedanken zu “3. August: Hinein ins Datengewirr

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